Zephir gGmbH

Welterbe & ich – Workshop mit jungen Geflüchteten in Berlin

Im Rahmen eines „Kulturweit-Alumni“-Projektes wurde im Dezember 2015 ein Welterbeworkshop mit von uns in Berlin-Zehlendorf betreuten minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen veranstaltet.
Nachfolgend präsentieren wir den ausführlichen Bericht von „Kulturweit-Alumni“ und bedanken uns für die Durchführung der spannenden Veranstaltung.

Welterbe & ich
„kulturweit-Alumni“ organisieren im Dezember 2015 Workshop mit jungen Geflüchteten in Berlin

Erst einmal werden die Handys gezückt und Fotos gemacht: von sich selbst, von der Gruppe und von der Berliner Museumsinsel. Eigentlich sollen keine Fotos gemacht werden. Die 20 Teilnehmer des Workshops sind noch minderjährig und unbegleitet in Deutschland. Ihre Vormundschaft liegt beim Berliner Senat. Sie sind zwar registriert, warten aber noch auf die letzten Dokumente, die ihre ‚Ankunft‘ in Berlin bestätigen, seit Monaten. Termine dafür sind nicht zu bekommen, besonders nicht jetzt vor den Feiertagen.
Aber das spielt hier und jetzt keine Rolle. Jetzt geht es vielmehr um die Frage, warum das Alte Museum an diesem Ort steht und zu welchem Zweck es gebaut wurde. Französische Revolution? Klar wissen alle, was gemeint ist. Umbruch von Staaten? Auch das ist ihnen bekannt; nur zu gut: die meisten von ihnen sind im Irak oder Syrien geboren, alle sprechen Arabisch.
Nach einer Einführung zur UNESCO und der Welterbekonvention von 1972 besucht die Gruppe die Museumsinsel. Es geht um Welterbe und die Frage, was das mit jedem einzelnen zu tun hat. Gestellt wird sie in zwei Workshops, die von „kulturweit-Alumni“ durchgeführte und geplant wurden. Die Exkursion zu einer Welterbestätte ist Teil des Programms. Die Gruppe morgen besucht die Schlösser und Parks in Potsdam.
Von Babylon nach Berlin
Als kulturweit-Freiwillige haben Agnesa, Verena und Luis die Arbeit verschiedener Kulturmittler im Ausland unterstützt und nehmen jetzt an einer Weiterbildung des Freiwilligendienstes teil, die es ihnen und 20 weiteren Alumni des Freiwilligendienstes ermöglicht, als Multiplikatoren die Idee des UNESCO-Welterbes in die Gesellschaft zu tragen.
„Ich komme aus der Nähe von Babylon”, sagt einer der Teilnehmer, als die Gruppe vor dem Ischtartor im Vorderasiatischen Museum steht. Ein Satz, auf den Fragen folgen: über Herkunft, Identität, über Heimkehr, Rückkehr und Sicherheit. Es werden wieder Fotos gemacht, Dinge neu- und wiedererkannt, Fragen gestellt und Geschichten erzählt.
Eine Frage lässt die Gruppe nicht los: Wie sind die Exponate nach Deutschland gelangt, ohne Schaden zu nehmen und was passiert hier mit ihnen? Die blauen Ziegel des Ischtartors faszinieren einen der Teilnehmer sehr. Er will alles ganz genau wissen und fragt Markus Hilgert, den Direktor des Vorderasiatischen Museums, so lange aus, bis er ihn zu einer Besichtigung der Restaurierungswerkstatt einlädt. Die Teilnehmer selbst sind monatelang gelaufen. Sie wollte hier ihre Schule beenden, studieren oder eine Ausbildung machen. Danach wieder zurück in ihre Heimat und dort alles mit aufbauen, als Ärzte oder Restauratoren.
Zuhause auf Zeit
Langsam wird es Zeit, und die Gruppe fährt wieder zurück in ihre Unterkunft. Dort leben die Teilnehmer des Workshops. Insgesamt 70 unbegleitete Minderjährige werden in Berlin-Zehlendorf von den Jugendhilfeträgern Zephir e.V. und FAMOS e.V. betreut. Sie warten darauf anzukommen, in die Schule gehen zu dürfen, Deutsch zu lernen. Ablenkung ist willkommen, viel gibt es hier nicht zu tun. In zwei Monaten werden sie wohl die Unterkunft verlassen müssen. Da bald alle gesundheitlichen Untersuchungen abgeschlossen sind, besteht eine gute Möglichkeit bald in eine Willkommensklasse zu gehen.
Am zweiten Seminar-Tag sprechen die Teilnehmenden Farsi. Fieberhaft arbeiten sie an Plakaten zu Welterbestätten ihrer Herkunftsländer und sind so bei der Sache, dass Pausen unwichtig werden. Ein Teilnehmer möchte einen Tanz seiner Heimat für das immaterielle Kulturerbe vorschlagen: der gehöre zur Identität der Menschen, die im Norden seines Heimatlands geboren sind. Die anderen stimmen ihm zu. Natürlich zeigt er den Tanz. Die Musik kommt aus dem Smartphone. Alle klatschen mit, aber es geht gleich weiter, die anderen möchten auch ihre Plakate, ihr Erbe vorstellen.
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe und dem anderer Menschen, ist ein Grundstein für gegenseitiges Verständnis. Das zeigt sich auch am Ende des Workshops, als sich ein Teilnehmer wünscht, dass der kulturelle Reichtum seiner Heimat Afghanistan wieder als Identifikation dient – nicht die Gewalt.
Im Januar 2016 findet in der Reihe ein weiterer Workshop statt, der sich mit Projektmanagement befasst.

Berlin_Museumsinsel_Fernsehturm

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de

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