Zephir gGmbH

Offene Einladung

Hartz_IVSehr geehrter Herr  Dr. Westerwelle,

Ihre in der Öffentlichkeit zirkulierenden Äußerungen über die Lebensbedingungen, -haltungen und –einstellungen von Menschen, die als „Hartz-IV-Bezieher“ bezeichnet werden, haben uns veranlasst Sie zu uns einzuladen, damit Sie eine kleine, nichtrepräsentative Auswahl dieser Menschen kennen lernen können.

Wir, als freier Träger der Jugend- und Familienhilfe, arbeiten professionell mit Menschen in ihren jeweiligen sozialen Statusformen (Kinder, Jugendliche, Familien, Alleinerziehende, physisch und/oder psychisch Erkrankte bzw. von psychischer Krankheit bedrohte Menschen usw.), die staatliche Hilfe und Unterstützung in Anspruch nehmen müssen, um einfach überleben zu können.

Herr Dr. Westerwelle, Sie werden eine alleinerziehende Mutter kennen lernen, die gerade ihre Ausbildung als Friseuse absolviert und staatliche Unterstützung erhält, da sie mit der Ausbildungsvergütung sich und ihre Tochter nicht versorgen kann. Bitte erklären Sie uns doch inwiefern es sich hier um „anstrengungslosen Wohlstand“ handelt, der „zu spätrömischer Dekadenz“ einlädt!?

Weiterhin, Herr Dr. Westerwelle, möchten wir Sie mit unseren Lerntherapeuten bekannt machen, bei denen Kinder und Jugendliche lernen wie sie ihre Lese-/Rechtschreibeschwäche bzw. Dyskalkulie bearbeiten und dabei erkennen, „dass Leistung keine Körperverletzung ist.“

Herr Dr. Westerwelle, Sie können uns, ein eingetragener Verein im Nonprofitbereich, sicherlich dabei behilflich sein, wie wir unseren Mitarbeiter, der Zephir’s Eltern- und Nachbarschaftstreff leitet, ein unentgeltliches soziales Dienstleistungsangebot für die Menschen im Kiez –auch Hartz-IV-Empfänger und Empfängerinnen-, über den Monat Mai hinaus beschäftigen und bezahlen können. Dabei können Sie uns auch erläutern wie seine Arbeitsbereitschaft und sein Arbeitswille Sie zur Wahrnehmung verleitet, „in Deutschland (scheint es) nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet.“

Selbstverständlich soll „derjenige, der arbeitet, mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet“. Auch hierzu bieten wir Ihnen die Möglichkeit mit unseren Kollegen und Kolleginnen zu sprechen, die alle keine volle Stelle haben, weil wir im sozialen Bereich permanent unterfinanziert sind. Wie lässt sich da bei der Notwendigkeit von Mindestlohn und dem Anspruch auf eine Vollzeitstelle von „geistigem Sozialismus“ reden?

Und dann wäre da noch die engagierte Leiterin der Straßensozialarbeit, die gerne mehr Stunden arbeiten würde, um mehr Geld in die Rentenkasse einzahlen zu können, da sie später nicht dem Staat auf der Tasche liegen will. Sie soll nun dem in Berlin geborenen 17-jährigen Mohamed erklären, warum er schon wieder nur Absagen auf seine Bewerbungen bekam, nur weil er einen türkischen Nachnamen hat. Sagen Sie es ihm, denn Sie „sprechen die Sprache, die verstanden wird“!

Herr Dr. Westerwelle, wir möchten Sie ganz herzlich zu uns einladen, damit wir Ihnen demonstrieren können, wie gut und sinnvoll die Steuern derjenigen, die ehrlich ihre Steuern in der Bundesrepublik Deutschland bezahlen, angelegt sind: in Bildung, Erziehung, Partizipation und Selbständigkeit!

Sie sind völlig frei in der Wahl des Besuchstermins, wir werden uns nach Ihnen richten und freuen uns inzwischen auf das Treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Winfried Glück
(Geschäftsleitung)

Foto: Rainer Sturm – pixelio

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